Fossile Wirbelsäulen der Säbelzahnkatze Smilodon fatalis aus den berühmten La-Brea-Teergruben in Kalifornien weisen eine unerwartet hohe Zahl seltener Nerventumore auf. Ein internationales Forschungsteam unter Leitung von Dr. Hugo Schmökel von der Evidensia Academy Schweden und der Universität Zürich untersuchte die im La Brea Tar Pits Museum gelagerten Überreste und veröffentlichte die Ergebnisse in der Fachzeitschrift Frontiers in Veterinary Science. Die Wissenschaftler vermuten, dass die Tiere kurz vor ihrem Aussterben zunehmend unter Inzucht litten – mit gesundheitlichen Folgen, die den Jägern das Überleben erschwert haben könnten.
- Forschende fanden bei Smilodon fatalis Hinweise auf drei seltene Wirbelsäulen-Nerventumore.
- Die geschätzte Häufigkeit liegt bei rund 353 Fällen pro 100.000 Tieren – beim Menschen sind es nur 0,22 bis 0,38.
- Zahlreiche Fehlbildungen deuten laut Studie auf eine zunehmend eingeschränkte genetische Vielfalt hin.
Untersucht wurden 3.722 Wirbel von mindestens 849 erwachsenen Tieren. Neben zahlreichen Entwicklungsstörungen – 32 Wirbel mit unvollständig ausgebildeten Bögen, 48 verschmolzene „Blockwirbel“ und 226 fehlgebildete „Übergangswirbel“ – stießen die Forschenden auf drei erweiterte Foramina. Diese Öffnungen lassen normalerweise Nerven durch die Wirbelsäule treten. Sind sie verbreitert und weisen eine glatte, umgebaute Oberfläche auf, gilt das als starkes Indiz für einen Nerventumor, der über die Zeit auf den Knochen drückt und die Öffnung vergrößert.
Warum ein Nerventumor die Jagd zur Qual macht
Solche Tumore verursachen vor allem Schmerzen, wie Schmökel aus seiner tierärztlichen Praxis und aus der Humanmedizin berichtet. „Hunde, die mit einem Nerventumor der Wirbelsäule zu mir kommen, zeigen hauptsächlich Schmerzsymptome, und viele menschliche Patienten klagen über Schmerzen“, so der Forscher. In fortgeschrittenen Fällen verlieren der Nerv und die betroffene Gliedmaße ihre Funktion – für einen Raubtierjäger ein gravierendes Problem.
Ein im Teer feststeckendes Beutetier sei für ein Raubtier mit Schmerzen besonders verlockend, betont Schmökel: „Ein verwundetes oder krankes Raubtier muss sich auf Kadaver verlassen, also geht es größere Risiken ein, um an sie heranzukommen.“
Warum die Teergruben zur tödlichen Falle wurden
In den La-Brea-Teergruben dringt bis heute Rohöl durch Risse im Boden und bildet klebrige schwarze Tümpel, in denen Tiere stecken bleiben. Die Notrufe gefangener Beutetiere lockten Raubtiere an, die dann selbst festsaßen. Während des Pleistozäns geriet auf diese Weise auch Smilodon fatalis in die Falle – ein Lauerjäger, der sich in der dichten Vegetation versteckte und seine Beute überwältigte, aber laut Schmökel sicher auch Aas fraß. Genau dieser Umstand hat die Gruben über Jahrtausende zu einem außergewöhnlich reichen Fossillager gemacht, das Forschenden heute detaillierte Einblicke in das Leben der Eiszeittiere erlaubt.
Was eine kleine Population für die Gene bedeutet
Wie selten solche Tumore sind, zeigt der Vergleich: Beim Menschen treten sie mit rund 0,22 bis 0,38 Fällen pro 100.000 Personen auf und werden durch bestimmte genetische Mutationen ausgelöst. Bei den untersuchten Säbelzahnkatzen ergibt sich hingegen eine geschätzte Häufigkeit von etwa 353 Fällen pro 100.000 Tieren. Die drei betroffenen Wirbel stammen aus drei verschiedenen Gruben und gehörten damit unterschiedlichen Individuen.
Zusammen mit der Fülle an Entwicklungsstörungen deutet das nach Einschätzung des Teams auf Inzucht hin – auch wenn ein endgültiger Beweis nur durch genetische Analysen möglich wäre. Schrumpft eine Population, stehen weniger Partner zur Verfügung, und schädliche Erbanlagen können sich anreichern. Dieselben Wirbelsäulen-Fehlbildungen sind bei heutigen, ingezüchteten Grauwolf-Populationen dokumentiert.
Eine Warnung für den Schutz heutiger Wildtiere
Für Schmökel ist der Befund vor allem ein Weckruf. Inzucht sei nicht die Ursache für den Zusammenbruch einer Population, sondern deren medizinische Folge: „Lebensraumverlust, Umweltverschmutzung, Jagd oder Wilderei und in manchen Regionen heute der Klimawandel sind die Gründe für den Rückgang wildlebender Katzen. Wir können annehmen, dass Smilodon am Ende des Pleistozäns dasselbe widerfuhr.“
Übertragen auf die Gegenwart bedeutet das: Wenn Schutzmaßnahmen erst greifen, sobald nur noch wenige Tiere übrig sind, könnten diese bereits von Inzucht betroffen sein – und ihre Rettung wird ungleich schwieriger. Für den Artenschutz an bedrohter Megafauna liefert der Blick in die Eiszeit damit ein bis heute gültiges Argument, früher anzusetzen.
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