Wenn ein Kinostart dazu führt, dass sich Übersetzungen eines fast 2.800 Jahre alten Epos plötzlich in den Buchläden stapeln, ist das auch für ein bildungsbürgerlich geprägtes Publikum im deutschsprachigen Raum bemerkenswert. Genau diesen Effekt schreibt die klassische Philologin Emily Wilson dem neuen Film von Christopher Nolan zu – und liefert zugleich einen der schärfsten Verrisse, den ein Blockbuster in diesem Jahr kassiert hat. Wilson, Professorin für Altertumswissenschaften an der University of Pennsylvania und Übersetzerin von Homers „Ilias“ und „Odyssee“, zerlegte Nolans Verfilmung in der „London Review of Books“ – ausgerechnet jene Fachfrau, deren Arbeit der Regisseur selbst als Inspiration genannt hatte.
- Emily Wilson nennt Nolans Drehbuch zur „Odyssee“ in der „London Review of Books“ „miserabel“.
- Nolan hatte Wilsons Übersetzung als Vorbild bezeichnet, insbesondere den ersten Vers „Tell me about a complicated man“.
- Trotz der Kritik läuft der Film erfolgreich: „A“-CinemaScore und rund 90 Millionen Dollar am zweiten Wochenende in den USA.
Der Reiz der Auseinandersetzung liegt in ihrer Vorgeschichte. Während der Pressetour zu seinem 250 Millionen Dollar (rund 230 Millionen Euro) teuren Film hatte Nolan gegenüber dem Magazin „Empire“ erklärt, er habe sich am Eröffnungsvers von Wilsons Übersetzung aus dem Jahr 2017 orientiert, um seinen Odysseus – gespielt von Matt Damon – zum Leben zu erwecken: „Tell me about a complicated man“.
Die Übersetzerin gibt das Kompliment nicht zurück
Wilson revanchierte sich nicht mit Wohlwollen. „Ich hatte gehofft, dass Nolans Nähe zu diesen homerischen Themen ihn zu neuen kreativen Höhen treiben würde“, schrieb sie, doch der Film biete „seine übliche Kombination aus Großspurigkeit und Oberflächlichkeit“. Die Vision sei „zu wirr“, die Figuren „zu unterentwickelt“.
In einem Absatz, der sich in sozialen Medien rasant verbreitete, urteilte Wilson: „Die Erzählstruktur ist ein Gimmick. Das Drehbuch ist miserabel. Keine Figur hat eine überzeugende Motivation für ihr Handeln oder ihre Worte. Es gibt keine Sexszenen, und das ganze Essen sieht scheußlich aus.“
Nolans „Odyssee“, so Wilson weiter, habe „nichts Überzeugendes zu sagen“ über Zeit, Erinnerung, Geschichte und Krieg oder über das Verhältnis zwischen der glorreichen Heimkehr eines Kriegers und dem Leben seiner Familie, Feinde und Nachbarn. Ihr Fazit fiel vernichtend aus: „Ich würde mich schämen, irgendeinen Teil dieses Drehbuchs geschrieben zu haben.“ Der Andrang auf den Text war offenbar groß – die Website der „London Review of Books“ war am Montagmorgen zeitweise nicht erreichbar.
Wie viel Freiheit eine Adaption braucht
Bemerkenswert ist, dass Wilson dem Film durchaus Zugänglichkeit zugesteht – und dass sie selbst mit dem Vorwurf allzu großer Verständlichkeit vertraut ist. Eine Adaption, so betont sie, müsse und solle sich nicht mit der Genauigkeit einer Übersetzung an die Vorlage halten; die besten „kreativen Antworten“ auf Homer verwandelten oder widersetzten sich dem Ausgangstext. Als Beispiele nennt sie unter anderem Vergils „Aeneis“, John Miltons „Das verlorene Paradies“, James Joyces „Ulysses“ und Margaret Atwoods „Penelopiad“.
Auch an Nolans Entscheidung, in gewöhnlichem amerikanischem Englisch zu sprechen, findet sie nichts grundsätzlich Falsches. Sie selbst übersetzte das Epos in fünfhebige Jamben statt in den antiken daktylischen Hexameter – weil der Jambus das übliche Versmaß englischer Erzähldichtung sei. Wilson war die erste Frau, deren englische Übersetzung der „Odyssee“ erschien, und erntete dafür sowohl Anerkennung als auch Kritik an ihrer schlichteren Wortwahl. In ihrem kommenden Buch „Crossing the Wine-Dark Sea“ hält sie fest, sie habe keine Fassung produzieren wollen, die länger oder schwülstiger sei als das Original.
Das Publikum sieht es anders
Für das Kinogeschäft ist Wilsons Urteil folgenlos: Der Film erhielt zum Start einen „A“-CinemaScore und spielte am zweiten Wochenende in den USA rund 90 Millionen Dollar (etwa 83 Millionen Euro) ein – einer der größten Erfolge des Jahres für Universal. Und selbst die Kritikerin räumt einen Gewinn ein. „Übersetzungen der ‚Odyssee‘, darunter meine, gehen weg wie warme Semmeln“, sagte sie. Vielleicht überzeuge der Film „einige Hochschulverwaltungen davon, ihre Literatur-, Sprach- und Geschichtsfakultäten nicht zu streichen. Nolan tut sein Bestes, um die breite Öffentlichkeit wieder zum Lesen zu bringen, und dafür bin ich dankbar.“
Darf ein Filmemacher einen Jahrtausende alten Stoff radikal vereinfachen, wenn er dafür neue Leser gewinnt – oder verrät er damit die Vorlage? Wie sehen Sie den Fall Nolan gegen Wilson?

























