Die schwere russische Angriffswelle auf die Ukraine in der Nacht zum Donnerstag hat auch das benachbarte NATO- und EU-Mitglied Polen in Alarmbereitschaft versetzt. Nach Angaben des operativen Kommandos der polnischen Streitkräfte stiegen wegen der Attacken Kampfflugzeuge auf, während bodengestützte Luftabwehr- und Radarsysteme in Bereitschaft versetzt wurden. Im polnischen Luftraum war ein unbekanntes Flugobjekt gesichtet worden; die mutmaßliche Absturzstelle wurde später in der Nähe des Dorfes Tarnawa-Kolonia in der Woiwodschaft Lublin gefunden.
- Fast in der gesamten Ukraine gab es in der Nacht zum Donnerstag Luftalarm.
- Mindestens acht Menschen starben, allein sechs davon in einem Vorort von Krywyj Rih, darunter zwei Kinder.
- Russland setzte laut Präsident Selenskyj mehr als 70 Raketen und über 280 Drohnen ein.
- Polen ließ wegen der Angriffe nahe seiner Grenze Kampfjets aufsteigen.
Die polnischen Maßnahmen hätten präventiven Charakter, hieß es aus Warschau.
Angriffe reichten bis in den Westen der Ukraine
Ukrainischen Medien zufolge attackierten die russischen Streitkräfte Städte bis in den weit von der Grenze entfernten Westen des Landes. Um die Flugabwehr zu überlasten, seien zahlreiche Raketen, Marschflugkörper und Drohnen gleichzeitig eingesetzt worden. Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von mehr als 70 Raketen und Marschflugkörpern, darunter ballistische, sowie über 280 Angriffsdrohnen. Mehr als 260 Drohnen und eine beträchtliche Zahl von Marschflugkörpern seien abgefangen worden.
In einem Vorort der südlichen Stadt Krywyj Rih traf eine Rakete das Wohnhaus einer Großfamilie – allein dort starben sechs Menschen, darunter zwei Kinder im Alter von fünf und zwölf Jahren, acht weitere wurden verletzt.
Aus der Hauptstadt Kyjiw und dem Gebiet Poltawa wurden zwei weitere Todesopfer gemeldet. In Lwiw (früher Lemberg) unweit der polnischen Grenze brachen nach Raketentreffern in zwei großen Wohnblöcken Brände aus; Behördenangaben zufolge gab es dort mehrere Verletzte. In Kyjiw wurden nach Angaben der Stadtverwaltung mehrere Gebäude getroffen, teils wohl durch herabstürzende Trümmer. Bürgermeister Vitali Klitschko erklärte, die Stadt sei mit ballistischen Raketen beschossen worden, einige nicht-bewohnte Objekte hätten Feuer gefangen. Die Angaben ließen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen.
Selenskyj hatte den Schlag vorausgesagt
Überraschend kam die Attacke nicht. Selenskyj hatte bereits am Mittwoch vor einem unmittelbar bevorstehenden schweren Luftangriff gewarnt und sich dabei auf einen Lagebericht des Luftwaffenkommandeurs berufen. Die Sicherheit der Ukrainer hänge von der Bereitschaft der Verbündeten ab, Raketenabwehr bereitzustellen, schrieb er.
Die ukrainische Führung verweist erneut auf den kritischen Mangel an Flugabwehrraketen. Besonders ballistische Raketen seien wegen ihrer hohen Geschwindigkeit schwer abzufangen. Selenskyj rief die westlichen Partner – speziell die USA – auf, moderne Patriot-Systeme zu liefern. Seine Warnung folgte auf eine Reise in die USA, bei der Präsident Donald Trump ihm nach eigenen Angaben Lizenzen für die Produktion von Patriot-Raketen zugesagt habe. Nach ukrainischer Darstellung sind nur US-Patriot-Systeme in der Lage, russische Raketen abzuschießen; an den nötigen Abfangflugkörpern herrsche jedoch Mangel.
Die ukrainische Luftwaffe teilte zudem mit, bei der Verteidigung des eigenen Luftraums einen Kampfjet vom Typ F-16 verloren zu haben. Die Maschine sei beim Abfangen feindlicher Flugobjekte abgestürzt.
Moskau spricht von militärischen Zielen
Das russische Verteidigungsministerium bestätigte die Angriffe, sprach jedoch von militärischen Zielen: Man habe Militärflughäfen, Rüstungsbetriebe, militärische Telekommunikationsinfrastruktur und logistische Zentren attackiert. Zudem seien drei Frachtschiffe in der Schwarzmeerregion getroffen worden, die dem Transport militärischer Güter gedient hätten. Auch die Ukraine griff Ziele in Russland an; in der Schwarzmeerstadt Noworossijsk wurde erneut ein Öltanker getroffen.

























