Häfen zählen zu den am stärksten belasteten marinen Lebensräumen. In geschlossenen Becken sammeln sich Müll, Öl und giftige Stoffe aus Antifouling-Anstrichen, invasive Arten gelangen über Ballastwasser hinein, und Schiffsschrauben, Sonare sowie Baggerarbeiten erzeugen Lärm. Ein Forschungsteam um Dr. Manuel Maldonado vom Center for Advanced Studies of Blanes im spanischen Girona hat nun untersucht, ob Schwämme helfen könnten, solche Umgebungen wiederherzustellen. In einer im Fachjournal Frontiers in Marine Science veröffentlichten Studie testeten die Wissenschaftler fünf Arten im Freizeithafen Marina Palamós. Als besonders widerstandsfähig erwies sich dabei der Nierenschwamm Chondrosia reniformis, im Englischen „chicken liver sponge“ genannt.
- Forscher testeten fünf Schwammarten zur Renaturierung eines belasteten Mittelmeerhafens.
- Der Nierenschwamm Chondrosia reniformis überlebte 455 Tage lang zu 91,7 Prozent und vermehrte sich ungeschlechtlich.
- Die übrigen getesteten Arten schrumpften und starben innerhalb von 20 bis 165 Tagen.
Der Ansatz nennt sich Renaturierung: Dabei werden gezielt robuste Pionierarten eingebracht, die unter schwierigen Bedingungen überleben. Schwämme gelten dafür als besonders geeignet, weil sie als sogenannte Ökosystem-Ingenieure wirken. Sie filtern täglich Tausende Liter Meerwasser, entfernen Schwermetalle, krankheitserregende Bakterien, Viren und organische Partikel und recyceln über ihre symbiotischen Mikroben Nährstoffe. Das verbessert nicht nur die Wasserqualität, sondern liefert auch Energie an die Nahrungskette. Zudem bieten Schwämme Würmern, Krebstieren und Jungfischen Schutz.
Fünf Kandidaten wurden für den Feldversuch ausgewählt
Um die am wenigsten empfindliche Art zu finden, wählten die Forscher zunächst fünf reichlich vorkommende Arten aus flachen Gewässern vor Santa Anna Point aus, rund 30 Kilometer (19 Meilen) von Marina Palamós entfernt: Corticium candelabrum, Crambe crambe, Scalarispongia scalaris, Ircinia oros sowie den Nierenschwamm. Die Arten sind nur entfernt miteinander verwandt und unterscheiden sich in wichtigen Merkmalen, etwa im Vorhandensein und der Zusammensetzung eines Skeletts oder in der Dichte ihrer mikrobiellen Symbionten.
Nach dem Einsammeln brachten die Wissenschaftler die Tiere ins nahe gelegene Meeresforschungszentrum von Blanes. Dort befestigten sie die Schwämme auf Keramikplatten in 500-Liter-Becken mit ungefiltertem, fließendem Meerwasser. Im Verlauf der Jahre 2024 und 2025 verpflanzten sie diese Platten mit insgesamt 42 Schwämmen auf künstliche Riffe aus Metallgittern, die mit Kalziumkarbonat beschichtet und an der Unterwasser-Kaimauer des Hafens fixiert waren. Eine Ausnahme bildete C. candelabrum: Alle Exemplare hafteten nicht am Untergrund an und starben bereits im Labor.
Nur eine Art überstand die Belastung des Hafens
Anschließend überwachten die Forscher Gesundheit und Überleben der Tiere regelmäßig per Unterwasserfotografie und Nahaufnahmen. Das Ergebnis fiel eindeutig aus: Alle Exemplare von C. crambe, S. scalaris und I. oros schrumpften allmählich und starben nach 20 bis 165 Tagen. Der Nierenschwamm dagegen gedieh und vermehrte sich sogar ungeschlechtlich.
91,7 Prozent der ursprünglichen Nierenschwämme überlebten während des gesamten Beobachtungszeitraums von 455 Tagen im Hafen.
Die wenigen verlorenen Tiere sowie einige geklonte Nachkommen lösten sich entweder vom Untergrund oder verschwanden durch das sogenannte „Kriechen“ – ein natürliches Verhalten, bei dem sich Schwämme zur ungeschlechtlichen Vermehrung und Ausbreitung in Fragmente umorganisieren. Genau diese Fähigkeit macht die Art laut den Autoren so anpassungsfähig: Sie kann sich von der Oberseite eines Felsens, wo UV-Strahlung, verschmutztes Sediment und Fressfeinde lauern, in geschütztere Spalten zurückziehen. Durch die Vermehrung per Teilung können sich Populationen rasch ausbreiten und später auch geschlechtlich fortpflanzen.
Über mehrere Jahre soll die Beobachtung weitergehen
Die Forscher werten den Nierenschwamm als hervorragenden Kandidaten für die nächste Phase der Hafen-Renaturierung. „Unser nächster Schritt ist, die verpflanzten Schwämme über mehrere Jahre zu beobachten“, sagte Maldonado. Besonders interessiere ihn dabei, wie sich die Gemeinschaften der symbiotischen Mikroben verändern, die im Gewebe des Nierenschwamms besonders zahlreich sind. Man wolle herausfinden, ob diese Mikroben dem Tier helfen, Schadstoffe zu vertragen. Zugleich sollen weitere Schwammarten getestet werden.
Für einen europäischen Leser ist das relevant, weil das Mittelmeer von dicht befahrenen und stark frequentierten Häfen gesäumt ist. Sollten sich solche biologischen Verfahren bewähren, könnten sie künftig eine natürliche Ergänzung zu technischen Reinigungsmaßnahmen bieten – auch wenn die Studie ausdrücklich nur ein erster Schritt ist und Langzeitergebnisse noch ausstehen.
Halten Sie den Einsatz lebender Schwämme für einen sinnvollen Weg, verschmutzte Häfen zu sanieren? Teilen Sie uns Ihre Einschätzung in den Kommentaren mit.

























