Rund 1,7 Millionen Menschen in Australien – etwa 6,7 Prozent der Bevölkerung – waren im Jahr 2019 nicht ausreichend gegen Masern geschützt. Das ist das zentrale Ergebnis einer umfangreichen Studie unter Leitung des National Centre for Immunisation Research and Surveillance (NCIRS), die am Erscheinungstag im Australian and New Zealand Journal of Public Health veröffentlicht wurde. Demnach lag die Masernimmunität landesweit bei 93,3 Prozent. Fast sieben von hundert Australiern hätten sich bei einem Kontakt mit dem Virus im Jahr 2019 wahrscheinlich nicht wehren können. Fachleute warnen, dass die Schutzlücken inzwischen noch größer sein könnten.
- Geschätzt 1,7 Millionen Australier (6,7 Prozent) waren 2019 nicht ausreichend gegen Masern geschützt.
- Die nationale Masernimmunität lag mit 93,3 Prozent am unteren Ende der WHO-Zielspanne von 93 bis 95 Prozent.
- Die Masernmeldungen stiegen von einstelligen Werten auf 181 im Jahr 2025; für 2026 wurden bislang 113 Fälle erfasst.
Für die Untersuchung kombinierten die Forschenden erstmals nationale Impfregisterdaten mit mehreren sogenannten Serosurveys – Studien, bei denen zahlreiche Blutproben getestet werden, um den Immunitätsgrad in der Bevölkerung zu messen. Der jüngste dieser Serosurveys stammt aus dem Jahr 2012. Auf dieser Grundlage entstand eine detaillierte Analyse der Masernanfälligkeit über alle Altersgruppen hinweg.
„Unsere Studie stellt die umfassendste nationale Schätzung dar, die mit Australiens aktuellsten serologischen Daten und gesamtbevölkerungsbezogenen Impfdaten derzeit möglich ist“, sagte Zoë Croker, Epidemiologin und Datenanalystin am NCIRS und Erstautorin der Studie.
Der Hintergrund: eine mühsam erreichte Eliminierung gerät unter Druck
Australien hält seit 2014 den von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zertifizierten Status der Masern-Eliminierung. Dieser Status bedeutet nicht, dass es keine Masernfälle mehr gibt, sondern dass das Virus nicht dauerhaft im Land zirkuliert und Ausbrüche typischerweise auf importierte Fälle zurückgehen. Um ihn zu halten, ist eine hohe Bevölkerungsimmunität nötig – die WHO nennt eine Zielspanne von 93 bis 95 Prozent für den sogenannten Herdenschutz.
Genau hier liegt das Problem: Australiens Wert liegt zwar innerhalb dieser Spanne, aber am unteren Rand – und der Schutz ist nicht gleichmäßig verteilt. „Es gibt wahrscheinlich Gemeinschaften, Regionen oder Gruppen, in denen die Immunitätslücken deutlich größer sind als der nationale Durchschnitt, was das Risiko lokaler Ausbrüche erhöht, wenn Masern eingeschleppt werden“, sagte Frank Beard, außerordentlicher Direktor am NCIRS und Seniorautor der Studie.
„Australien bleibt eine Masern-Eliminierungs-Erfolgsgeschichte, aber unsere Ergebnisse zeigen, dass wir dem minimal nötigen Schutzniveau näher sind, als viele erwarten würden“, so Croker.
Wer besonders gefährdet ist
Am höchsten war die Anfälligkeit laut Studie bei Säuglingen, die für den vollständigen Impfplan noch zu jung sind, sowie bei Australiern, die ab den späten 1970er-Jahren geboren wurden. In jedem Geburtsjahrgang ab 1977 galten mindestens fünf Prozent als anfällig.
Viele dieser Jahrgänge gründen heute junge Familien und zählen zu den häufigsten Auslandsreisenden des Landes – ein Umstand, der die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Masern in Haushalte und Gemeinschaften getragen werden. Die Altersgruppe der 15- bis 35-Jährigen machte zudem die Hälfte aller zwischen 2008 und 2022 gemeldeten Masernfälle aus. „Masern zählen zu den ansteckendsten bekannten Krankheiten. Selbst relativ kleine Immunitätslücken in Gemeinschaften können dem Virus Ausbreitungsmöglichkeiten eröffnen“, sagte Croker.
Warum das auch für deutschsprachige Leser relevant ist
Die Ergebnisse fallen in eine Zeit weltweit zunehmender Masernausbrüche. Mehrere wohlhabende Länder – darunter Kanada, Spanien und Großbritannien – haben ihren Eliminierungsstatus jüngst verloren. Das zeigt: Ein einmal erreichter Status ist keine Garantie, sondern muss aktiv gehalten werden. Für Regionen mit vergleichbaren Impfquoten – etwa im deutschsprachigen Raum – verdeutlicht die Studie, wie schmal der Sicherheitsspielraum bei einer so ansteckenden Krankheit ist und wie stark einzelne Immunitätslücken lokale Ausbrüche begünstigen können, sobald das Virus von außen eingeschleppt wird.
Wichtig einzuordnen ist auch die Methode: Die Studie schätzt Immunität aus Register- und Blutdaten, deren jüngste Erhebung aus dem Jahr 2012 stammt. Da die Kinderimpfquoten seit der COVID-19-Pandemie gesunken sind, könnte die tatsächliche Bevölkerungsimmunität heute laut den Autoren sogar noch etwas niedriger liegen als der ermittelte Wert für 2019.
Was die Forschenden empfehlen
Masern lassen sich durch Impfung gut verhindern. Die australischen Leitlinien empfehlen eine Masernimpfung für alle ab dem Geburtsjahr 1966, die keinen dokumentierten Nachweis über zwei Impfdosen oder Immunität haben – besonders vor Auslandsreisen mit erhöhtem Ansteckungsrisiko. „Prüfen Sie Ihre Unterlagen, sprechen Sie mit Ihrem Hausarzt oder einer anderen Impfstelle und lassen Sie sich impfen, wenn nötig“, riet Beard. Wer unsicher sei, ob er zwei Dosen erhalten habe, könne bei Bedarf gefahrlos eine oder zwei weitere Dosen bekommen.
Wissen Sie noch, ob Sie zweimal gegen Masern geimpft sind – und haben Sie vor einer Reise schon einmal Ihren Impfstatus überprüft? Teilen Sie Ihre Erfahrungen in den Kommentaren.































