Ständige Erreichbarkeit, Homeoffice am Küchentisch, Kinder vor dem Bildschirm – wer den Alltag als digital überreizt empfindet, sehnt sich ausgerechnet dort nach Ruhe, wo er sie am ehesten gestalten kann: in den eigenen vier Wänden. Genau diesen Wunsch beobachten Innenarchitektinnen und Innenarchitekten inzwischen als handfesten Wohntrend. Statt vernetzter Geräte, sprachgesteuerter Assistenten und App-Bedienung setzen immer mehr Menschen auf reduzierte Technik und mechanische Systeme. Der Fachbegriff dafür klingt provokant: „dumb homes“, „analoge Interieurs“ oder „Lo-Fi-Räume“. Gemeint ist ein Zuhause, das bewusst weniger kann – und genau dadurch mehr Geborgenheit vermittelt.
- Designer berichten von einer wachsenden Nachfrage nach reduzierter Technik im Wohnbereich.
- Als Gründe gelten Reizüberflutung durch Bildschirme, der Wunsch nach echten Gesprächen und Nostalgie.
- Praktische Ideen reichen von der „Handy-Ablage“ am Eingang bis zum kabelgebundenen Telefon.
Der Wunsch nach einem Gegenentwurf zum digitalen Alltag
Für Bari Jerauld, Gründerin des Studios Blank Slate in London, ist die Entwicklung eine „Reaktion auf Überreizung“. „Wir verbringen so viel unseres Lebens vor Bildschirmen und in schnelllebigen digitalen Umgebungen, dass das Zuhause zu dem einen Ort geworden ist, an dem sich die Menschen verzweifelt das Gegenteil wünschen“, erklärt sie. Gefragt seien Wärme, Charakter und Räume, die wirkten, als hätten sie eine Geschichte.
Auch der New Yorker Innenarchitekt Thomas Jayne hört von seiner Kundschaft immer denselben Wunsch: „Ich will einfach einen Schalter umlegen, um das Licht einzuschalten“, zitiert er. Niemand wolle dafür erst einen Computer programmieren müssen.
Was reduzierte Technik psychologisch bewirkt
Die angewandte Umweltpsychologin Dr. Sally Augustin sieht darin mehr als eine Frage der Bequemlichkeit. Ein hochautomatisiertes Zuhause könne das Gefühl von Kontrolle sogar untergraben: „Wir alle kennen abgestürzte Laptops, und auch smarte Systeme können sich danebenbenehmen. Wenn Ihr Zuhause stark automatisiert ist, leben Sie unter einer Wolke möglichen Versagens.“
Ein durchtechnisiertes Heim beeindrucke Gäste, so Augustin, schaffe aber oft eine isolierte Atmosphäre – auf Kosten der Gespräche, die man früher geführt habe.
Venetia Rudebeck, Mitgründerin von Studio Vero in London, führt den Trend vor allem auf Familien zurück: „Eltern sind sich viel bewusster darüber, wie viel Zeit am Bildschirm verbracht wird, und versuchen aktiv, das zu verändern.“ Hinzu komme der Faktor Nostalgie. Positive Erinnerungen, erklärt Augustin, verbesserten die Stimmung – und damit auch die kognitive Leistung und das Miteinander.
Konkrete Ideen für den analogen Rückzug
Ganz ohne Technik geht es freilich nicht, gerade weil viele von zu Hause arbeiten. Die Houstoner Designerin Emily Spanos plädiert deshalb für eine Balance zwischen „nostalgisch“ und „heute“. Ihr Tipp ist eine sogenannte Drop-Zone nahe dem Eingang: ein fester Ort, an dem Smartphones abgelegt und geladen werden, damit sich die Familie auf sich selbst konzentrieren kann. Als Lo-Fi-Alternative empfiehlt sie ein kabelgebundenes Telefon – besonders beliebt bei Familien mit kleinen Kindern, weil es zum bewussten Zuhören zwinge.
Rudebeck ersetzt das Homeoffice mit mehreren Monitoren gern durch einen schlichten Schreibtisch – für sie „nicht nur funktional, sondern ein Ritual“. Statt das Wohnzimmer allein auf einen großen Fernseher auszurichten, plädiert sie für gemütliche Zonen zum Lesen, Schreiben, Spielen oder einfach Reden, etwa eine Tafelwand oder einen einladenden Bücherstapel.
Bei den Details rät Samantha Feuer vom Noris Studio zu mehreren Lichtschichten aus Lampen, Wand- und Aufbauleuchten statt moderner Einbaustrahler, gesteuert über Dreh-Dimmer und Kippschalter. Auch von USB-Steckdosen rät sie ab: Wer heute einen bestimmten Anschluss in die Wand baue, müsse ihn womöglich bald wieder herausreißen.
Warum der Trend Bestand haben dürfte
Die entscheidende Frage bleibt, ob analoge Wohnkonzepte mehr sind als eine Modeerscheinung. Die Fachleute sind überzeugt: ja. Feuer verweist auf einen praktischen Vorteil, der auch für viele Haushalte hierzulande relevant sein dürfte – die Kosten. Smart-Home-Komponenten gingen kaputt oder seien mit neuerer Technik nicht mehr kompatibel; einfache Schalter dagegen halten. Für den Geldbeutel bedeutet das: Wer bewusst analog einrichtet, muss die eigene Technik nicht alle paar Jahre nachrüsten.
Wie viel Technik steckt in Ihrem Zuhause – und würden Sie freiwillig auf App-Steuerung und Sprachassistenten verzichten? Erzählen Sie uns von Ihrem persönlichen Lieblings-Rückzugsort abseits der Bildschirme.































