Übertragbarer Krebs gilt in der Biologie als extreme Seltenheit: Bei fast allen Krebsarten entstehen die Tumorzellen im Körper des betroffenen Lebewesens selbst und sterben mit ihm. Nur in einer Handvoll bekannter Fälle können Krebszellen wie ein Krankheitserreger von einem Individuum auf ein anderes überspringen. Genau eine solche Ausnahme haben nun Genomforschende der University of Vermont und des dortigen UVM Cancer Center gemeinsam mit dem U.S. Geological Survey (USGS) und dem Vermont Fish and Wildlife Department beschrieben – bei Braunen Katzenwelsen aus dem Lake Memphremagog an der Grenze zwischen Quebec und Vermont. Die Krankheit ist nach ihren Angaben der vierte weltweit bekannte übertragbare Krebs.
- Bei Braunen Katzenwelsen wurde ein übertragbarer Hautkrebs (malignes Melanom) nachgewiesen.
- Es ist erst die vierte bekannte übertragbare Krebsart – nach Fällen bei Hunden, Beutelteufeln und Muscheln.
- Genomanalysen zeigten: Die Tumoren verschiedener Fische sind Klone voneinander, nicht Produkt der einzelnen Wirtsfische.
Angler beobachteten die auffälligen schwarzen Wucherungen seit über einem Jahrzehnt
Seit mehr als zehn Jahren fangen Angler am Lake Memphremagog Braune Katzenwelse mit auffälligen schwarzen Läsionen. 2019 bestätigten Wissenschaftler des USGS und der Fischereibehörde von Vermont, dass es sich dabei um ein malignes Melanom handelt – also bösartigen Hautkrebs. Wie die Krankheit entstand, blieb jedoch lange ungeklärt.
Dokumentiert wurden erste Fälle 2012. Zunächst schienen Umweltfaktoren die naheliegendste Erklärung. Im Jahr zuvor hatte Hurrikan Irene schwere Überschwemmungen in Vermont verursacht. Könnten dabei aufgewirbelte Schadstoffe den Lebensraum der Fische belastet haben? Diese Vermutung galt als plausibler als UV-Strahlung, die beim Menschen die Hauptursache für Melanome ist – denn der Braune Katzenwels ist ein bodenbewohnender Fisch, der nachts frisst. Auch krebserregende Mikroben im Gewässer wurden diskutiert. Doch ein Jahrzehnt Forschung erbrachte keine Belege für diese Hypothesen.
Die DNA lieferte eine völlig andere Antwort als erwartet
Nach Jahren ohne Ergebnis wandten sich die Behörden an die University of Vermont. Dort sequenzierte das Forschungsteam das Erbgut von mehr als 80 Braunen Katzenwelsen mit und ohne Erkrankung, gefangen 2023, sowie weiterer Tiere aus dem Jahr 2019. Bei den erkrankten Fischen wurden sowohl Tumor- als auch gesundes Gewebe untersucht.
Die Erwartung: Jeder Tumor müsste genetisch am engsten mit dem Fisch verwandt sein, in dem er wuchs. Das Gegenteil trat ein. Die Tumoren verschiedener Fische ähnelten einander stärker als jeweils ihrem eigenen Wirt. In manchen Fällen glichen die Tumoren sogar gesunden Fischen aus anderen Gewässern mehr als dem Tier, das sie trug.
Die Tumoren waren nicht unabhängig voneinander entstanden – sie waren Klone voneinander, die eine überwältigende Zahl von Genvarianten teilten, die in den Wirtsfischen fehlten.
Das Team überprüfte die Analyse nach eigenen Angaben mehrfach in der Erwartung, einen Fehler zu finden. Doch das Muster war eindeutig: Die Krankheit ist ein bislang unbekannter übertragbarer Krebs, der von Fisch zu Fisch weitergegeben wird. Sie trägt nun den Namen Brown Bullhead Transmissible Melanoma, kurz BBTM. Bisher waren nur drei übertragbare Krebsarten bekannt – bei Hunden, bei Tasmanischen Beutelteufeln und bei Muscheln.
Historische Berichte deuten auf eine viel ältere Verbreitung hin
Nach der Entdeckung stießen die Forschenden auf ältere Hinweise. Bereits 1852 beschrieb der Schriftsteller Henry David Thoreau Katzenwelse mit schwarzen, samtigen Flecken in einem Fluss in Massachusetts. Rund sechzig Jahre später ging der Zoologe Raymond Osburn Thoreaus Beobachtung und ähnlichen Berichten aus ganz Neuengland nach – er züchtete Tumorzellen von Katzenwelsen im Labor und übertrug sie erfolgreich auf einen gesunden Fisch.
Ob diese historischen Fälle mit der jetzt beschriebenen Krankheit identisch sind, lässt sich nicht bestätigen. Sie legen aber nahe, dass das Phänomen älter und weiter verbreitet sein könnte als bislang angenommen – womöglich nur lange übersehen. Ein Angler aus Cape Cod brachte es gegenüber den Forschenden so auf den Punkt: „Niemand sucht nach diesen Fischen.“
Warum der Fund auch für die Krebsforschung am Menschen bedeutsam sein könnte
Für die Wissenschaft ist besonders interessant, wie es diesen Krebszellen gelingt, dem Immunsystem ihrer Wirte zu entgehen. Die beteiligten Forschenden sehen darin ein natürlich vorkommendes Modell, um zu verstehen, wie Krebs sich entwickelt und der Erkennung durch das Immunsystem entkommt – eine zentrale Frage der Krebsbiologie. Das bedeutet: Erkenntnisse über einen Fisch könnten helfen, grundlegende Mechanismen zu beleuchten, die auch beim menschlichen Melanom und bei Immunstörungen eine Rolle spielen.
Für die weitere Arbeit kooperiert das Team mit Fachleuten, die andere übertragbare Krebsarten erforschen, darunter die Onkologie- und Genetikprofessorin Elizabeth Murchison, die zu Beutelteufeln und Hunden arbeitet, sowie der Krebsforscher Michael Metzger, der die übertragbare Krebsart bei Muscheln entdeckte.
Sollten solche seltenen Krebsphänomene im Tierreich stärker erforscht werden, um mehr über Krebs beim Menschen zu lernen? Teilen Sie uns Ihre Sicht in den Kommentaren mit.































