Eine umfangreiche australische Studie hat eine lange vermutete Ursache für einen häufigen Zahndefekt bei Kindern ausgeschlossen. Forschende der University of Melbourne, des Murdoch Children’s Research Institute (MCRI), der Deakin University und von Barwon Health untersuchten die sogenannte Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH) und kamen zu dem Ergebnis, dass Entzündungen nicht dafür verantwortlich sind. Die Ergebnisse wurden im Journal of Dental Research veröffentlicht. Grundlage war eine Langzeitstudie, die Kinder von der Schwangerschaft bis ins Grundschulalter begleitete. Laut den Autoren muss die weltweite Suche nach den Ursachen dieser Erkrankung nun neu ausgerichtet werden.
- Die Studie schließt Entzündungen als Ursache der MIH aus.
- Laut Erstautorin Dr. Stephanie Shields sind rund 15 Prozent der Australier betroffen.
- Die Forschenden vermuten nun ein Zusammenspiel aus Genetik und Umweltfaktoren.
Was hinter dem Krankheitsbild MIH steckt
Bei der MIH bildet sich weicher, poröser Zahnschmelz an den bleibenden Backenzähnen, wenn diese im Alter von sechs bis acht Jahren durchbrechen. Die Folge sind überempfindliche Zähne und ein erhöhtes Kariesrisiko. Erstautorin Dr. Stephanie Shields, Doktorandin an der University of Melbourne, beschreibt die Erkrankung gegenüber Familien als eine Art „Muttermal am bleibenden Zahn“, bei dem der schwächere Schmelz weniger Mineralien enthält und weich sowie porös ist.
Zu den Beschwerden zählen laut den Forschenden Überempfindlichkeit, schneller Kariesbefall, ein unvorhersehbarer Zerfall der Zähne und ästhetische Beeinträchtigungen. In schweren Fällen kann ein Zahn so stark geschädigt werden, dass er gezogen werden muss. Damit gehört MIH zu den häufigsten entwicklungsbedingten Zahndefekten.
Die Langzeitstudie liefert überraschende Ergebnisse
Bislang galt es als wahrscheinlich, dass Entzündungen infolge typischer Kinderkrankheiten und hohes Fieber eine Rolle bei der Entstehung der MIH spielen. Klinische und laborgestützte Untersuchungen hatten frühkindliche Infektionen und Fieber zuvor mit einem erhöhten MIH-Risiko in Verbindung gebracht.
Für die neue Untersuchung griffen die Forschenden auf Daten der Barwon Infant Study zurück, einer Kohortenstudie, die Kinder von der frühen Kindheit bis zum Alter von elf Jahren verfolgte. „In dieser Studie haben wir mit einer international einzigartigen Kohorte gearbeitet, die Kinder von der Schwangerschaft bis zur Grundschule begleitet hat“, erklärte Shields. Das Ergebnis: Entzündungen sind nicht die Ursache.
„Diese Erkenntnisse bedeuten, dass Forschende ihren Fokus bei der weltweiten Suche nach der Ursache dieser Erkrankung verändern müssen“, so Shields.
Nach Einschätzung der Forschenden dürfte ein Zusammenspiel aus genetischen und umweltbedingten Faktoren zur Entstehung beitragen. Künftig könnte im Mittelpunkt stehen, ob sich die Erkrankung im Zusammenhang mit adaptiven Immunreaktionen entwickelt, wie sie bei Erkrankungen wie Asthma oder Ekzemen auftreten.
Warum die Erkenntnis für betroffene Familien wichtig ist
Für Eltern bedeutet das Ergebnis, dass sich die Erkrankung nach derzeitigem Wissensstand nicht verhindern lässt. Associate Professor Mihiri Silva, die die Melbourne Paediatric Oral Health Group leitet, betonte, dass das Team weiter an der eigentlichen Ursache arbeite, um langfristig Wege zur Vorbeugung zu finden.
Silva verwies darauf, dass MIH eine erhebliche Belastung für betroffene Kinder darstellt: Sie benötigen bis zum Alter von 18 Jahren deutlich häufiger zahnärztliche Behandlungen als Kinder ohne die Erkrankung. Werde MIH nicht richtig behandelt, könnten Schmerzen und Infektionen entstehen, die schlimmstenfalls das Ziehen der bleibenden Zähne erforderlich machen.
„Eltern sollten wissen, dass dies eine häufige Erkrankung ist, die wir leider nicht verhindern können, aber ein frühzeitiges Eingreifen ist entscheidend“, sagte Silva. Regelmäßige Kontrolluntersuchungen seien für die betroffenen Kinder deshalb besonders wichtig.
Wichtig für die Einordnung: Die Untersuchung beruht auf einer Beobachtungsstudie. Sie zeigt Zusammenhänge auf und kann selbst ausschließen, dass Entzündungen als Auslöser plausibel sind – ein direkter Ursache-Wirkungs-Beweis für die eigentlichen Auslöser der MIH steht damit weiterhin aus.
Haben Sie in Ihrer Familie Erfahrungen mit empfindlichen oder verfärbten Backenzähnen bei Kindern gemacht? Teilen Sie Ihre Sicht in den Kommentaren.

























