Kaum ein Markt boomt so wie der mit Nahrungsergänzungsmitteln, die das Altern aufhalten sollen. Doch wie viel davon hält wissenschaftlicher Prüfung stand? JoAnn Manson, Leiterin der präventiven Medizin am Brigham and Women’s Hospital in Massachusetts, sorgte in einer Folge des New-Scientist-Podcasts Change Your Mind für Aufsehen: Menschen über 60, die täglich ein Multivitaminpräparat einnehmen, zeigten über zwei bis drei Jahre einen deutlich langsameren geistigen Abbau und weniger altersbedingten Gedächtnisverlust. Für langjährige Skeptiker war das eine überraschende Aussage – und Anlass, die Beweislage genauer zu betrachten.
- Manson berichtet, dass tägliche Multivitamine bei über 60-Jährigen den kognitiven Abbau verlangsamten.
- Ein Expertenpanel bewertete über 250 angebliche Anti-Aging-Substanzen – keine erreichte den höchsten Evidenzstandard.
- Studien zu Multivitaminen und Omega-3 zeigen nur geringe Effekte auf das biologische Alter.
Mansons Befunde stammen aus der Studie COSMOS (Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study), die zwischen 2015 und 2023 lief. Über 21.000 Menschen über 60 nahmen teil. Eine Gruppe erhielt täglich ein Multivitaminpräparat plus Kakaoextrakt, andere nur eines davon oder gar nichts. Eigentliches Ziel war zu prüfen, ob die Kombination Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs vorbeugt. Das gelang nicht – doch in den Daten fanden sich andere Hinweise, darunter jene zur Gehirngesundheit.
Ein Expertenpanel vergibt nur mäßige Noten
Deutlich zurückhaltender fällt das Urteil eines wissenschaftlichen Standardwerks aus. In dem in diesem Jahr erschienenen Buch Supplements and Drugs for Healthy Longevity bewertete ein Expertenpanel unter Leitung des Biogerontologen Suresh Rattan von der Universität Aarhus in Dänemark die Evidenz für mehr als 250 Substanzen mit angeblicher Anti-Aging-Wirkung. Darunter waren Vitamine, Mineralstoffe, Pflanzenextrakte, traditionelle Heilmittel, Probiotika sowie viel beworbene Verbindungen wie NAD+, Coenzym Q10, Spermidin oder die Kombination Dasatinib und Quercetin.
Keine einzige Substanz erreichte den höchsten Evidenzstandard, den Rattan als „solide, reproduzierbar und vertrauenswürdig“ definiert.
Nur wenige erreichten eine zweite Stufe. Insgesamt empfehlen die Autoren, diese Stoffe über die Nahrung aufzunehmen. „Derzeit ist die Verwendung eines oder mehrerer Nahrungsergänzungsmittel … überwiegend ein Akt des Glaubens und der Hoffnung“, heißt es in dem Buch – statt auf starken, wissenschaftlich fundierten Daten zu beruhen. Bemerkenswert: Die Substanz Alpha-Ketoglutarat, ein in Anti-Aging-Kreisen verbreitetes Präparat, wurde nicht untersucht.
Zwei Studien deuten auf ein langsameres Altern hin
Zugleich betont das Werk, dass mehr Forschung nötig sei. Genau hier setzen die neueren Arbeiten an. In einer Teilgruppe von 958 COSMOS-Teilnehmern wurde das biologische Alter zu Beginn und nach zwei Jahren gemessen. Jene, die täglich ein Multivitaminpräparat erhielten, alterten im Schnitt langsamer als die übrigen – der Kakaoextrakt zeigte keine Wirkung. Der Effekt war mit ein bis zwei Monaten über zwei Jahre bescheiden, könnte sich über längere Zeiträume aber summieren.
Eine weitere Untersuchung stützt die Idee. Ein Team, an dem auch Forschende der Universität Zürich beteiligt waren, veröffentlichte im vergangenen Jahr eine Studie zu Omega-3-Fettsäuren bei Menschen zwischen 70 und 91 Jahren. Über drei Jahre alterten jene, die das Präparat einnahmen, biologisch im Schnitt drei Monate weniger als die Placebo-Gruppe. Kamen Vitamin D und Krafttraining hinzu, stieg der Nutzen auf vier Monate. Das fordert die verbreitete Ansicht heraus, wonach Omega-3-Präparate nur bei einer mangelhaften Ernährung sinnvoll seien.
Warum die Skepsis dennoch bleibt
Ein Durchbruch ist das allerdings nicht. Beide Studien stützen sich auf Messungen des biologischen Alters, die als notorisch unzuverlässig gelten. Keine fand eine bedeutsame Verbesserung der tatsächlichen Gesundheit der Teilnehmer. Und ein langsameres biologisches Altern entspricht nicht zwangsläufig dem, worauf es ankommt: mehr Jahre in Gesundheit. Manson räumte im Podcast ein, dass die Teilnehmer möglicherweise an einem oder mehreren Vitaminmängeln litten und das Präparat diese lediglich ausglich.
Das bedeutet für Verbraucher: Ein pauschaler Griff zum Präparateregal lässt sich aus diesen Daten noch nicht ableiten. Für die meisten Nährstoffe gilt weiterhin die Empfehlung, sie über eine ausgewogene Ernährung aufzunehmen; Ausnahmen wie Vitamin D in den lichtarmen Wintermonaten nördlicher Breiten oder Vitamin B12 bei veganer Ernährung bleiben davon unberührt.
Dennoch verweisen die Fachleute Daniel Belsky und Calen Ryan von der Columbia University in New York auf die Tragweite: „Ein Beweis, dass eine einfache Multivitamin-Ergänzung das Altern verlangsamen kann, sei es auch nur geringfügig, hätte erhebliche Folgen – auch für die Leitlinien der öffentlichen Gesundheit.“ So weit ist die Forschung noch nicht. Doch die Debatte hat begonnen.
Nehmen Sie selbst Nahrungsergänzungsmittel gegen das Altern ein – oder halten Sie das für hinausgeworfenes Geld? Teilen Sie Ihre Erfahrungen und Ihre Sicht in den Kommentaren.

























