Der mutmaßliche Täter des tödlichen Angriffs am Rande des Berliner Christopher Street Day (CSD) ist tot. Wie die Berliner Innenverwaltung und die Polizei mitteilten, wurde der 21-Jährige am Sonntag gegen 18 Uhr in einer Kleingartenanlage im Stadtteil Spandau im Westen Berlins gestellt. Er sei mit einer Stichwaffe auf die Beamten losgegangen, woraufhin diese schossen. Trotz sofortiger Wiederbelebungsversuche starb der Mann noch am Ort. Damit endete eine seit dem frühen Sonntagmorgen laufende Fahndung, bei der die Polizei nach eigenen Angaben „nicht nur in der Stadt Berlin, sondern an den Bahnhöfen, an den Flughäfen, an den Grenzen“ im Einsatz war.
- Der 21-jährige Verdächtige wurde am Sonntagabend in Spandau von der Polizei erschossen.
- Bei dem Angriff am Samstag starb eine Frau, 29 Menschen wurden teils schwer verletzt.
- Innenminister Alexander Dobrindt spricht von einem „islamistischen Terroranschlag“.
Ein Transporter rast in die Menschenmenge, dann folgt die Machete
Nach Darstellung der Ermittler hatte der Fahrer eines weißen Transporters am Samstag gegen 22 Uhr am südlichen Rand des Berliner Tiergartens mehrere Menschen angefahren, ehe das Fahrzeug gegen einen Baum prallte. Anschließend sei der Mann mit einer Stichwaffe – nach Angaben von Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) mutmaßlich einer Machete – auf weitere Passanten losgegangen und habe diese schwer verletzt. Eine Frau kam ums Leben, 29 Menschen wurden verletzt, mehrere davon zunächst lebensgefährlich. Am Sonntagabend teilte Bundeskanzler Friedrich Merz mit, keines der Opfer schwebe mehr in Lebensgefahr.
Die Veranstalter des CSD brachen die Feierlichkeiten sofort ab und riefen die Menschen auf, ruhig nach Hause zu gehen. Der Tatort lag mehrere Hundert Meter vom gesicherten Paradengelände entfernt. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) betonte, der Angreifer habe das gut gesicherte Veranstaltungsgelände selbst nicht erreicht – getroffen habe es Menschen rund 400 Meter daneben. Der CSD gilt als eine der größten Pride-Veranstaltungen Europas; es war der erste derartige Angriff auf die queere Community der Hauptstadt.
Behörden werten die Tat als islamistischen Terroranschlag
„Alles, was wir sehen, deutet darauf hin, dass wir es mit einem islamistischen Terroranschlag zu tun haben“, sagte Dobrindt am Tatort. Er kündigte an, der Generalbundesanwalt werde die Übernahme des Falls auf Bundesebene vorbereiten. Eine solche Übernahme ist im deutschen Recht üblich, wenn eine Tat als Terrorismus mit staatsgefährdendem Hintergrund eingestuft wird.
Der Verdächtige war den Sicherheitsbehörden seit Jahren bekannt
Nach übereinstimmenden Angaben handelt es sich bei dem Tatverdächtigen um Abdul B., einen 2005 in Berlin geborenen deutschen Staatsbürger mit libanesischen Wurzeln; seine Mutter wurde 2002 eingebürgert. Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung zufolge war er dem Verfassungsschutz bereits seit seinem 16. Lebensjahr bekannt und zuletzt zeitweise observiert worden. Seit November 2025 galt er als islamistischer „Gefährder“ – eine Einstufung, mit der die Polizei Extremisten belegt, denen sie jederzeit Gewaltakte zutraut.
Die Staatsanwaltschaft schilderte eine lange Vorgeschichte: Verurteilungen wegen Körperverletzung und Erpressung (2019) sowie Raubes (2020), das Teilen von IS-Propaganda auf Instagram 2024 und der Versuch, sich der Terrororganisation „Islamischer Staat“ anzuschließen. Über die Türkei reiste er in den Libanon, um von dort nach Syrien zu gelangen, und nahm Kontakt zu Personen auf, die er für IS-Mitglieder hielt. Ein libanesisches Militärgericht verurteilte ihn zu drei Monaten Haft. Nach seiner Rückkehr im November 2025 wurde er am Berliner Flughafen festgenommen.
Im Mai wurde Abdul B. wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt – die Strafe wurde jedoch zur Bewährung ausgesetzt.
Gegen diese Aussetzung legte die Staatsanwaltschaft Beschwerde ein. Zur Begründung der Bewährung hieß es unter anderem, die im Libanon verbüchte Haft und die Untersuchungshaft seien angerechnet worden; zudem habe der Mann die Taten gestanden und sich vom IS distanziert. Recherchen zufolge nahm er zuletzt an einem Deradikalisierungsangebot teil und befand sich in einem sogenannten Clearingprozess: Zwei freiwillige Termine hatten stattgefunden, ein dritter war für die kommende Woche vorgesehen. Dass ein polizeibekannter Islamist die Tat offenbar verüben konnte, lässt nun die Fragen an die Behörden lauter werden.
Trauer am Brandenburger Tor und Appelle der Politik
Am Sonntag versammelten sich Hunderte Menschen mit Regenbogenfahnen und Blumen vor dem Brandenburger Tor, hielten eine Schweigeminute ab und gedachten der Opfer. Am Bundestag wurde die Flagge auf halbmast gesetzt. Vor einer Gedenkfeier in der Berliner Marienkirche rief Kanzler Merz die Betroffenen des Angriffs dazu auf, sich „nicht einschüchtern zu lassen“. Auch aus dem europäischen Ausland kamen zahlreiche Reaktionen.

























