Kaum ein Thema spaltet die Musikbranche derzeit so stark wie der Einsatz künstlicher Intelligenz. Ausgerechnet einer der einflussreichsten Produzenten des Hip-Hop bezieht nun klar Position dafür: Dr. Dre, mit bürgerlichem Namen André Young, hat in einem gemeinsam mit seinem langjährigen Geschäftspartner Jimmy Iovine geführten Interview mit der «New York Times» erklärt, er sehe in KI keine Gefahr. Und er lieferte einen Satz nach, der die Kritiker der Technologie direkt trifft: «Ich glaube, die einzigen, die darin eine Bedrohung sehen, sind diejenigen, denen das künstlerische Schaffen schwerfällt.»
- Dr. Dre bezeichnet KI als «neues Werkzeug für Kreativität» und wirft Gegnern mangelndes Können vor.
- Der 61-Jährige gibt zu, KI selbst in seiner Produktion einzusetzen.
- Andere Musiker wie Madonna und Peter Maffay lehnen KI in der Kunst dagegen ab.
Für den Produzenten, der Charterfolge von Snoop Dogg, Eminem, 50 Cent und Kendrick Lamar mitverantwortete, ist der Umgang mit neuer Technik kein Neuland. Seine ablehnende Haltung gegenüber den Skeptikern begründet er mit einem historischen Vergleich.
Ein Vergleich mit Drum-Machine und Synthesizer
«Ich hatte vor ein paar Tagen eine Diskussion mit einigen Leuten», berichtete Dr. Dre. «Sie waren gegen KI, und ich sagte: Okay, ihr klingt wie jemand, der auch gegen die Drum-Machine gewesen wäre, als sie herauskam. Oder gegen Synthesizer.» Es handle sich schlicht um ein neues Instrument für die Kreativität. «Manche Leute haben Angst davor, Neues zu lernen», so der Musiker. «Ich begrüße es. Ich kann es kaum erwarten zu sehen, was daraus werden wird.»
Anders als viele Kollegen macht Dr. Dre aus seiner eigenen Nutzung kein Geheimnis: «Ja, ich benutze es. Als Werkzeug, um zu sehen, was es mit dem macht, was ich gerade geschaffen habe.»
Rückendeckung erhielt er von Iovine, mit dem er unter anderem die Kopfhörermarke Beats aufbaute. Dieser sprach von zahlreichen Produzenten, die KI längst einsetzten, es aber nicht zugeben wollten – er nannte sie «Closet-KI-Produzenten». Dr. Dre stimmte zu: «Das ist eine gute Art, es auszudrücken. Sie benutzen es, sie wollen es nur nicht zugeben.» Als Beispiel für einen weiteren Nutzer nannte Iovine den Produzenten Timbaland.
Madonna, Doja Cat und Maffay halten dagegen
Dass Dr. Dres Enthusiasmus in der Branche keineswegs Konsens ist, zeigen die Stimmen anderer Musikerinnen und Musiker. Popstar Madonna lehnt die Technologie in der Kunst ab: «Algorithmen und künstliche Intelligenz sind das Gegenteil von Risikobereitschaft – und für mich ist das das Gegenteil von Kunstschaffen», sagte sie zuletzt gegenüber «Vogue Italia».
Auch innerhalb des Hip-Hop gibt es Reibung. Rapperin Doja Cat kritisierte kürzlich den Rapper Tyga für den KI-Einsatz auf dessen Album «$TARFACE», obwohl beide zuvor mehrfach zusammengearbeitet hatten. Das Musikmagazin «Pitchfork» vergab für das Album «0,0» Punkte. Der Rocksänger Peter Maffay wiederum ist überzeugt, dass maschinell erzeugte Songs nicht mithalten können: «KI kann nicht schwitzen, kann nicht weinen. Das ist eine humane Qualität.»
Warum die Debatte gerade jetzt so hitzig ist
Die Wortmeldungen fallen in eine Phase wachsender rechtlicher und industrieller Auseinandersetzungen. Der KI-Musikdienst Suno steht wegen der mutmaßlichen Verwendung urheberrechtlich geschützter Werke unter Druck; verklagt wurde das Unternehmen unter anderem von den drei großen Labels Warner, Universal und Sony. Vergangene Woche reichte zudem der Indie-Verlag Round Hill Music Klage gegen Suno und Anthropic ein.
Parallel entstehen Kennzeichnungspflichten: Der Marktführer Spotify markiert inzwischen Profile, hinter denen kein menschlicher Musiker steht, und Apple Music kündigte an, KI-basierte Songs künftig zu kennzeichnen. Für Hörerinnen und Hörer bedeutet das konkret, dass künftig deutlicher erkennbar sein soll, ob ein Titel maschinell erzeugt wurde – ein Versuch, Transparenz in einen Markt zu bringen, in dem die Grenze zwischen menschlicher und künstlicher Produktion zunehmend verschwimmt.
Dr. Dre selbst, der 61 Jahre alt ist und als achtfacher Grammy-Gewinner sowie Mitgründer von Beats gilt, positioniert sich damit klar auf der Seite jener, die in der Technologie eher eine Chance als eine Bedrohung sehen – und macht seine Haltung zur Ansage an die Zweifler.
Sehen Sie KI als kreatives Werkzeug wie einst den Synthesizer – oder verliert Musik damit ihre menschliche Seele? Teilen Sie uns Ihre Meinung mit.































