Das US-Unternehmen Flock, das sich lange als reiner Anbieter automatischer Kennzeichenlesegeräte präsentierte, testet einem Bericht des Magazins Wired zufolge ein neues KI-Werkzeug, das weit über das Erfassen von Nummernschildern hinausgeht. Die Software soll Menschen allein anhand ihres Fahrverhaltens lokalisieren und identifizieren können. Sie trug ursprünglich den Namen Nightshift und läuft mittlerweile unter der Bezeichnung OS Investigate. Laut Wired greift sie auf ein Kameranetz in 6.000 Gemeinden zurück und protokolliert dort die Bewegungen von Fahrzeugführern. Flock bestätigte, das Produkt derzeit mit ausgewählten Strafverfolgungspartnern zu erproben.
- Flock testet laut Wired eine KI, die Personen über ihr Fahrverhalten aufspürt.
- Die Software nutzt Kameradaten aus 6.000 Gemeinden und verknüpft Bewegungsinformationen mit Polizeiakten und kommerziellen Identitätsdatenbanken.
- Ermittler können Personen allein nach einer Ortsangabe, Zeit und Beschreibung suchen.
Wie das System aus Bewegungsdaten Namen und Adressen macht
Das Werkzeug soll etwa Zeugen eines Verbrechens finden, indem es Fahrzeugbewegungen in der Nähe eines Tatorts analysiert. Diese Informationen lassen sich anschließend mit Polizeiakten, Notruf-Einsatzprotokollen und kommerziellen Identitätsdatenbanken abgleichen, um Namen, Wohnadresse, Verwandte und sogar Freunde einer möglichen Zielperson zu ermitteln. Laut Wired kann das System „nach Personen in einem auf einer Karte eingezeichneten Gebiet suchen – auf Grundlage nichts weiter als einer körperlichen Beschreibung“.
Ein Beamter braucht damit weder Kennzeichen noch Namen noch eine konkrete Straftat, um eine Suche zu starten – nur Ort, Zeit und ein Verhaltensmuster.
Zum System gehört eine Chatbot-Komponente, in die Ermittler Suchanfragen eingeben. Einige Vorlagen sind bereits voreingestellt, etwa: „Finde mir Zeugen anhand der Fahrzeuge, die in [Stadtviertel] während der [letzten 14 Tage] zu [Tageszeit] am häufigsten gesehen wurden.“ Ein tatsächlicher Vorfall muss dabei nicht angegeben werden. Flock betont, die aktuellen Fähigkeiten spiegelten möglicherweise nicht das wider, was letztlich verkauft werde, und es handle sich um ein vom Kennzeichenleser getrenntes Produkt. Den beschriebenen Funktionen widersprach das Unternehmen nicht.
Fachleute warnen vor einer Ermittlung ohne Anfangsverdacht
Die Reaktionen der von Wired befragten Fachleute reichen von Entsetzen bis zu vorsichtiger Zustimmung. „Ich weiß nicht, wie ich es anders sagen soll, aber das klingt komplett wahnsinnig“, sagt der frühere Polizist Noel Pichardo. „Ich weiß nicht, wie jemand bestreiten kann, dass Flock buchstäblich Menschen verfolgt.“ Ein aktiver, anonym bleibender Beamter nannte die Zeugensuche „etwas unangenehm“, verwies aber darauf, dass die Polizei jedes verfügbare Werkzeug nutzen müsse. Der unabhängige Sicherheitsforscher Buchodi gab zu bedenken, dass viele harmlose Aktivitäten markiert werden könnten.
ACLU-Anwalt Chad Marlow sieht die Gefahr darin, dass Beamte praktisch nach Straftaten „fischen“ könnten. Der Unterschied zwischen der Frage „Siehst du kriminelle Muster?“ und dem Befehl „Finde mir kriminelle Muster“ führe zu zwei völlig verschiedenen Ergebnissen. Da es offenbar keine Beschränkung der Eingaben gebe, könne die Polizei die KI in eine gewünschte Richtung lenken.
Wachsender Widerstand gegen die Überwachungskameras
Die Debatte trifft ein Unternehmen, das bereits mit Missbrauchsvorwürfen kämpft. Berichten zufolge nutzten Polizisten die Technik, um Menschen auszuspähen oder Ex-Partnern nachzustellen. Als Reaktion führte Flock Schutzmechanismen ein, etwa das Sperren auffälliger Nutzer und die Pflicht, Suchen mit einem Fallcode zu versehen. Welche Sicherungen die getestete Beta-Software besitzt, ist unklar.
Der Unmut hat vielerorts zu Gegenwehr geführt: Mehrere Behörden beendeten die Zusammenarbeit mit Flock, andernorts wurden Kameras beschädigt, zerstört oder gestohlen. In einer Kleinstadt in Minnesota verschwanden über Nacht sämtliche Flock-Kameras – die örtliche Polizei will sie nicht ersetzen.
Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen effektiver Polizeiarbeit und flächendeckender Überwachung? Diskutieren Sie mit uns in den Kommentaren.































