Nach einem Sommer mit außergewöhnlich zerstörerischen Waldbränden verschiebt sich in Europa der Schwerpunkt der Debatte: Statt vor allem in Löschflugzeuge und Einsatzkräfte soll künftig deutlich mehr Geld in Vorbeugung, Landschaftspflege und Vorsorge fließen. Die EU-Kommissarin für Krisenmanagement, Hadja Lahbib, sprach nach einem Hubschrauberflug über das französische Departement Gironde vom „größten Weckruf“ seit Jahren und verteidigte den Vorschlag der Kommission, im nächsten EU-Langzeithaushalt rund 10,7 Milliarden Euro für Vorsorgemaßnahmen bereitzustellen. Fachleute wie eine neue Studie des Klimaforschungszentrums CMCC untermauern die Forderung nach einem grundlegenden Kurswechsel im Umgang mit dem wachsenden Feuerrisiko.
- Laut CMCC-Zahlen brannten im Sommer 2025 in Europa 1.003.978 Hektar – fast viermal so viel wie im Vorjahreszeitraum.
- Die Zahl der Brände lag rund 60 Prozent über dem Durchschnitt der Jahre 2006 bis 2023.
- In vielen Ländern fließen etwa 90 Prozent der Feuerbudgets in die Bekämpfung und nur rund 10 Prozent in die Prävention.
Frankreich, Griechenland, die Türkei und Tunesien baten in den vergangenen Wochen um europäische Nothilfe. Brüssel wertet dies zunehmend nicht als Reihe einzelner nationaler Notlagen, sondern als kontinentweite Sicherheitsfrage im Zeichen des Klimawandels. „Der Klimawandel klopft nicht an unsere Tür. Er ist bereits da“, sagte Lahbib gegenüber Euronews. Die Saison habe ungewöhnlich früh begonnen: Am 30. April aktivierten ausgerechnet die Niederlande – kein klassisches Brandrisikoland – als erstes Land den EU-Katastrophenschutzmechanismus.
Wie aus einem Funken ein Megafeuer wird
Fast jeder Brand braucht einen Auslöser – Blitzschlag, Brandstiftung oder heiße Maschinen. In Frankreich machten die Behörden eine Freischneidemaschine nahe einer Hochspannungsleitung verantwortlich, in Spanien Funken schwerer Geräte. Doch Fachleute betonen, dass dies nur das Wie erklärt, nicht das Warum der diesjährigen Megafeuer.
Drei Zutaten entscheiden über die Ausbreitung: die Menge an Vegetation, deren Trockenheit und die Wetterlage. „Erst wenn alle drei Bedingungen sehr brandanfällig sind und zusammentreffen, entsteht ein solches Feuerereignis“, erklärt Francesca Di Giuseppe vom Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersagen. Der Klimawandel mache dieses Zusammentreffen häufiger und heftiger. Eine Rolle spielt dabei das sogenannte hydroklimatische Peitschen, der abrupte Wechsel zwischen nass und trocken: Ein feuchter Frühling ließ die Vegetation wuchern, die in Hitzewellen rasch austrocknete. Nach EU-Angaben stießen die diesjährigen Brände bereits fast 18 Millionen Tonnen klimaschädliches CO₂ aus.
Wälder, die zum Brennen gebaut sind
Auch die Art der Bewirtschaftung erschwert das Löschen. In Teilen Europas wurden große Flächen als Monokulturen mit einer einzigen, schnell wachsenden Baumart angelegt. Mehr als drei Viertel des derzeit brennenden Waldes Landes de Gascogne im Südwesten Frankreichs bestehen aus Seekiefern – ein von Napoleon III. ab 1857 durch Trockenlegung von Sümpfen geschaffener, künstlich angelegter Wald.
Fachleute warnen vor einem „Unterdrückungsparadox“: Weil Brände jahrzehntelang erfolgreich schnell gelöscht wurden, haben sich Büsche und Gestrüpp angesammelt – zusätzlicher Brennstoff, der außer Kontrolle geratene Feuer zu Extrembränden anwachsen lässt.
Laut einer Studie von Raúl Cordero von der Universität Groningen ist die durchschnittliche Zahl der Brände und der verbrannten Fläche in Südeuropa seit 1981 sogar gesunken. Zugleich haben sich heiße, trockene und windige „Feuerwettertage“ in weiten Teilen Südeuropas mehr als verdoppelt. Die Landflucht verstärkt das Problem, weil ehemalige Felder und Weiden verwildern.
Warum Brandenburg für Deutschland ein Warnsignal ist
Die CMCC-Studie, erschienen im International Journal of Disaster Risk Reduction, vergleicht Italien, Griechenland und das Land Brandenburg. In Griechenland wurde der Brand von Alexandroupolis 2023 mit 93.880 Hektar in nur 15 Tagen zum größten je erfassten Waldbrand der EU. Italien verzeichnete 2024 rund 589 Brände auf 82.462 Hektar – mehr als doppelt so viel wie 2023 –, wobei etwa 88 Prozent auf menschliches Handeln zurückgingen.
Brandenburg liegt zwar außerhalb des Mittelmeerraums, gilt wegen sandiger Böden, trockenen Klimas und kiefernreicher Wälder aber als eine der brandgefährdetsten Regionen Deutschlands. 2022 brannten dort bei 521 Bränden 1.425,5 Hektar – die höchsten Verluste seit 1983 und 2018. Erschwerend kommt hinzu, dass rund 292.000 Hektar Wald mit Munitionsaltlasten belastet sind, was Löscharbeiten gefährlich macht.
„Man kann die Zahl der Flugzeuge verdoppeln oder verdreifachen – jeder dorthin gesteckte Euro fehlt bei der Prävention“, sagt Sebastien Lahaye von der französischen Beratung Warucene. Studienautorin Dana Salpina fordert engere Zusammenarbeit zwischen Institutionen, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und lokalen Gemeinschaften. Für Deutschland bedeutet das: Wo Löschkapazitäten an ihre Grenzen stoßen, entscheidet künftig die Vorsorge über die Widerstandsfähigkeit ganzer Landschaften.
Sollte auch Deutschland mehr Geld von der Brandbekämpfung in die Vorbeugung umschichten – und was würde das etwa für Brandenburgs Wälder konkret bedeuten? Teilen Sie Ihre Einschätzung in den Kommentaren.































