Die großen Öl- und Gaskonzerne haben im zweiten Quartal massive Gewinne eingefahren, während der seit inzwischen sechs Monaten andauernde Konflikt zwischen den USA und Iran die weltweiten Lieferketten für Erdöl belastet. Weil der Krieg den Großteil des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus zum Erliegen brachte, verteuerten sich Rohöl, Benzin, Diesel und Kerosin erheblich. Für Autofahrer und Fluggäste stiegen die Kosten spürbar, in einzelnen Ländern kam es zu Engpässen. Konzerne wie ExxonMobil, Chevron und Shell profitierten dagegen von den hohen Preisen und meldeten teils vervielfachte Quartalsgewinne.
- Exxon verdoppelte seinen Quartalsgewinn auf 14,53 Milliarden Dollar, Chevron vervierfachte ihn nahezu auf 12,07 Milliarden Dollar.
- Shell verdreifachte den Gewinn auf 10,8 Milliarden Dollar (rund 9,4 Milliarden Euro) – der höchste Wert seit 2022.
- Der Brent-Ölpreis stieg zeitweise von rund 70 auf über 100 Dollar je Barrel und erreichte in der Spitze 126 Dollar.
Der Krieg treibt die Preise – und die Bilanzen
Auslöser der Preisrally ist die Sperrung der Straße von Hormus, einer engen Wasserstraße, durch die zuvor rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls und Erdgases transportiert wurde. Mit der Verknappung des Angebots kletterte der Preis für die Nordseesorte Brent, den internationalen Referenzwert, in weiten Teilen von März, April und Mai über die Marke von 100 Dollar je Barrel. US-Rohöl schwankte im Quartal zwischen 68 und 115 Dollar.
Diese Entwicklung spiegelt sich in den Bilanzen wider. ExxonMobil aus dem texanischen Spring meldete einen Gewinn von 14,53 Milliarden Dollar – ein Plus von 105 Prozent gegenüber dem Vorjahr – bei einem Umsatz von 116,02 Milliarden Dollar. Der in Houston ansässige Rivale Chevron steigerte seinen Gewinn um 385 Prozent auf 12,07 Milliarden Dollar und setzte 70,06 Milliarden Dollar um. Zusammengenommen kletterten die Gewinne beider US-Konzerne um mehr als 300 Prozent auf über 26 Milliarden Dollar.
Auch der britische Konzern Shell profitierte kräftig. Der den Anteilseignern zuzurechnende Nettoertrag summierte sich auf 10,8 Milliarden Dollar (rund 9,4 Milliarden Euro) – eine Verdreifachung gegenüber den 3,6 Milliarden Dollar des Vorjahresquartals. Der Umsatz legte um 45 Prozent auf 96,4 Milliarden Dollar zu. Es war der höchste Quartalsgewinn seit 2022. Das Quartal sei von „massiven Verwerfungen auf den globalen Energiemärkten“ geprägt gewesen, erklärte Konzernchef Wael Sawan.
Warum Verbraucher weltweit die Zeche zahlen
Für viele Menschen bedeutet die Krise das Gegenteil eines Gewinns. In Australien kam es zeitweise zu Benzinrationierungen, in Nepal und Sri Lanka blieben Regierungsstellen geschlossen. Beobachter verweisen auf die starke Ungleichheit dieser Entwicklung.
„Es gibt Gruppen auf der Welt, die eine sehr gute Krise haben, und die Ölproduzenten gehören dazu“, sagte Patrick Galey von der Organisation Global Witness.
Er stellte die Milliardengewinne den Hunderten Millionen Menschen gegenüber, die mit Stromabschaltungen, Rationierungen und Warteschlangen um Lebensmittel zu kämpfen hätten. Nach Angaben von Global Witness verbuchten sechs der größten europäischen Ölkonzerne im ersten Quartal zusammen 22 Milliarden Dollar Gewinn – 43 Prozent mehr als im Vorjahr.
Für die Konzerne bleibt die Lage nicht ohne Reibungsverluste: Shell wies darauf hin, dass höhere Preise teils durch geringere Absatzmengen ausgeglichen wurden. Die Gasverflüssigungsanlage Pearl in Katar steht seit März still, nachdem ein Angriff einen der beiden Produktionsstränge beschädigt hatte. Die Reparaturen dürften rund ein Jahr dauern. Der Nahe Osten macht etwa 20 Prozent der Öl- und Gasproduktion von Shell aus.
Was als Nächstes kommen könnte
In den USA hat der Gewinnsegen eine politische Debatte über eine Sondersteuer neu entfacht. Demokraten im Kongress brachten im März Gesetzentwürfe ein, die große Ölproduzenten für ihre Kriegsgewinne ab 2026 besteuern und die Einnahmen an Verbraucher zurückverteilen würden. Sinngemäß gilt: Preise für US-Öl setzen Konzerne wie Exxon und Chevron nicht selbst – sie ergeben sich aus Angebot und Nachfrage sowie dem, was Händler und Raffinerien zu zahlen bereit sind.
Der Entwurf von Senator Sheldon Whitehouse aus Rhode Island und ein Begleitgesetz des kalifornischen Abgeordneten Ro Khanna sehen eine Abgabe je Barrel für Firmen vor, die 2025 mindestens 300.000 Barrel pro Tag förderten oder importierten. Die Steuer soll 50 Prozent der Differenz zwischen dem aktuellen und dem durchschnittlichen Vorjahrespreis betragen. „Es ist fair, eine Übergewinnsteuer auf außerordentliche Zufallsgewinne zu erheben, statt Essensprogramme für Kinder zu streichen“, sagte Whitehouse. Ähnliche Vorstöße scheiterten in der Vergangenheit – ob es diesmal anders läuft, ist offen.
Sollten Ölkonzerne für Krisengewinne stärker zur Kasse gebeten werden – oder trifft eine Übergewinnsteuer am Ende doch nur die Verbraucher? Schreiben Sie uns Ihre Meinung.

























