Christophe Jurczak arbeitet für die Investmentfirma Quantonation, die auf junge Unternehmen im Bereich der Quantentechnologien spezialisiert ist. Er beschäftigt sich also beruflich mit der Frage, wann Quantencomputer endlich einen praktischen Nutzen entfalten. Ausgerechnet auf einer Konferenz, die mit Quantencomputern nichts zu tun hatte, erlebte er ein Déjà-vu: Fachleute sprachen über eine andere aufstrebende Technologie, von der Jurczak schon vor 30 Jahren gehört hatte – damals hieß es, sie sei nur noch „fünf Jahre entfernt“. Daraus entstand ein Verdacht, den er in einer philosophischen Studie ausformuliert hat.
- Jurczak stuft Quantencomputer als „ewige Fünf-Jahre-Technologie“ (PFYT) ein.
- Der Kern des Problems sei, dass noch gar nicht feststeht, was ein Quantencomputer genau ist.
- Wird für eine Kenngröße eine Schwelle erreicht, verschiebt sich der Fünf-Jahres-Horizont laut der Studie einfach nach hinten.
Gemeinsam mit Brooke Abeles von der ENS Paris-Saclay in Frankreich verfasste Jurczak einen Aufsatz, in dem er den Begriff der „perpetual five-year technology“ (PFYT) auf Quantencomputer anwendet. Seine These: Alle Prognosen darüber, wann Quantencomputer wirklich ankommen, seien in die Irre geführt, solange sie voraussetzen, dass wir bereits wissen, was ein Quantencomputer ist. „Wenn die Identität eines Quantencomputers noch ausgehandelt wird, während die Maschine sich entwickelt, dann scheitert diese Voraussetzung“, schreibt er.
Viele Bauweisen, viele Kenngrößen – und keine einheitliche Definition
Die Grundbausteine eines Quantencomputers heißen Qubits, und sie lassen sich auf sehr unterschiedliche Weise realisieren: mit extrem kalten Atomen, mit winzigen supraleitenden Schaltkreisen oder mit Lichtteilchen. Hinzu kommt eine ganze Reihe von Kenngrößen, an denen sich die Leistung messen lässt: wie viele Qubits vorhanden sind, wie gut sie miteinander verbunden sind, wie zuverlässig und wie schnell sie sich steuern lassen. Eine oder wenige dieser Kenngrößen zu perfektionieren, garantiert nicht, dass die übrigen ebenfalls exzellent werden.
Genau hier setzt die zentrale Beobachtung der Studie an. Jurczak und Abeles sammelten Branchendaten zu solchen Kenngrößen. Ihr Befund: Sobald eine Schwelle überschritten wird – etwa dass ein einzelnes Qubit seltener als einmal in tausend Fällen einen Fehler macht –, bricht der Fünf-Jahres-Horizont nicht zusammen. Stattdessen setzt er sich zurück.
Das bedeutet: Jeder gemeisterte Meilenstein bringt nicht das Ende der Wartezeit näher, sondern definiert neu, was überhaupt noch fehlt.
Warum sich der Vergleich mit den ersten Rechnern verbietet
Fachleute vergleichen heutige Quantencomputer gern mit ENIAC, dem ersten programmierbaren, universell einsetzbaren elektronischen Computer. Jurczak hält den Vergleich für schief. Der Bau jener raumfüllenden Maschine sei vor allem eine ingenieurtechnische Aufgabe gewesen – in einem, wie er sagt, „viel reiferen Ökosystem“. Beim Quantencomputer sei die Ausgangslage eine andere.
Zur Deutung greift er auf den Technikphilosophen Gilbert Simondon und dessen Idee der „technischen Individuation“ zurück. Danach wird eine wechselnde Ansammlung von Elementen erst durch das Reifen eines ganzen Ökosystems zu einem kohärenten „Individuum“. Eine Sammlung von Qubits samt der Geräte, die sie steuern und beherbergen, wird demnach erst durch ineinandergreifende Fortschritte zum Quantencomputer – etwa in der Laser- und Kryotechnik, im Bau spezialisierter Chip-Fabriken, im Heranwachsen einer eigenen Fachkräfte-Gemeinschaft und in der Grundlagenforschung.
Dass es noch keinen vollständig nützlichen Quantencomputer gibt, ist für Jurczak deshalb weder ein Versagen der Prognosen noch des Marktes. Es spiegele vielmehr, wie grundstürzend der Versuch ist, die Bewohner der Quantenwelt zum Rechnen zu bewegen. Fehlender Praxisnutzen heißt dabei nicht fehlender Fortschritt: Jurczak selbst ließ von seinem Sofa in Texas aus ein Experiment auf einem Quantencomputer aus extrem kalten Atomen laufen, der in einem Labor in Kanada stand.
Halten Sie den Quantencomputer für eine Technologie, die tatsächlich kommt – oder für ein Versprechen, das sich immer wieder um fünf Jahre verschiebt? Schreiben Sie uns Ihre Einschätzung.

























