Indigene Australierinnen und Australier möchten kulturelle Heilmittel deutlich häufiger nutzen, stoßen dabei aber auf große Hürden. Das ist das Ergebnis einer neuen, australienweiten Studie unter Leitung der Southern Cross University, die im Fachjournal First Nations Health and Wellbeing – The Lowitja Journal veröffentlicht wurde. Es handelt sich nach Angaben des Forschungsteams um die erste gemeinsam mit den Betroffenen entwickelte (co-designte) Untersuchung dieser Art auf nationaler Ebene. Sie erfasst, wie First Peoples kulturelle Medizin nutzen, welchen Zugang sie dazu haben und welche Rolle sie ihr in der eigenen Gesundheitsversorgung geben möchten.
- An der Studie nahmen 186 erwachsene First Peoples teil, überwiegend im Alter zwischen 30 und 49 Jahren und zu 81,7 Prozent Frauen.
- Nur 9,7 Prozent berichteten von einem einfachen Zugang zu traditionellen Heilern.
- Über 94 Prozent der Betroffenen ohne Zugang würden traditionelle Heiler in Anspruch nehmen, wenn sie verfügbar wären.
Die Studie unterscheidet zwischen physischen Heilmitteln – solchen, die eingenommen, inhaliert oder äußerlich angewendet werden – und zeremoniellen Formen der Heilung. Am weitesten verbreitet waren die Nutzung von „Country as medicine“ (dem Land selbst als Medizin) sowie Räucherzeremonien. Am seltensten kamen gesangsbasierte Zeremonien, insektenbasierte einheimische Nahrungsmittel und traditionelle Heiler zum Einsatz. Der Zugang zu physischen Heilmitteln nannten die Befragten als oberste Priorität.
Die Forschenden sehen einen ungedeckten Bedarf mit historischen Wurzeln
Erstautorin Dr. Alana Gall vom National Centre for Naturopathic Medicine der Southern Cross University, eine Truwulway- und Litamirimina-Frau, ordnet den Befund in einen größeren Zusammenhang ein. Der erhebliche ungedeckte Bedarf sei nicht nur durch Geografie und Verfügbarkeit von Angeboten geprägt, sondern wahrscheinlich auch durch Kolonisierung, Vertreibung vom Land, die Unterbrechung der Weitergabe von Wissen und die anhaltende Marginalisierung indigener Wissenssysteme im Gesundheitswesen.
„Als Aboriginal-Person beunruhigt es mich, dass wir Traditionelle Chinesische Medizin und all diese anderen Medizinsysteme aus aller Welt kennenlernen, nutzen und zu ihnen Zugang haben – aber genau das bei unserer eigenen Medizin nicht können“, sagte Gall.
Kulturelle Medizin sei damit keine „alternative“ oder randständige Ergänzung der Versorgung, sondern eine zentrale Frage der Gesundheitsgerechtigkeit. Um diese für First Peoples zu erreichen, brauche es mehr als Schulungen zur kulturellen Sensibilität oder das stückweise Einfügen indigener Inhalte in bestehende Modelle – gefordert sei struktureller Wandel.
Betroffene sollen Zugang selbst gestalten
Mitautor der Studie war Mike Stephens, Direktor für Arzneimittelpolitik und -programme bei der National Aboriginal Community Controlled Health Organization (NACCHO), einer Dachorganisation gemeindegetragener Gesundheitsdienste. Deren Geschäftsführerin, Dr. Dawn Casey, betonte, dass eine Normalisierung kultureller Medizin nicht bedeute, sie zu den Bedingungen des bestehenden Systems einzugliedern. Vielmehr müssten sie als legitime Form der Versorgung anerkannt und das ihnen zugrunde liegende kulturelle Wissen geschützt werden.
Der Zugang müsse von Aboriginal- und Torres-Strait-Islander-Menschen selbst gestaltet und verwaltet werden – über die gemeindegetragenen Gesundheitsdienste, mit lokalen Wissensträgern und nach den Protokollen der jeweiligen Gemeinschaft.
Besondere Bedeutung am Lebensende
Als besonders wichtiges Feld für kulturelle Einbindung erwies sich die Versorgung am Lebensende. Während zwei Drittel der Teilnehmenden kulturelle Heilmittel für sich selbst in der Palliativversorgung wünschten, wollten mehr als 92 Prozent, dass ihre Familien Zugang zu Heilzeremonien für die Trauer erhalten. Familie stehe für indigene Menschen stets im Zentrum des Wohlbefindens, so Gall.
Was der Befund für Politik und Praxis bedeutet
Für die Autorinnen und Autoren hat die Untersuchung direkte Folgen für politische und programmatische Antworten – in Australien wie international. Gall verwies auf nationale Verpflichtungen wie die „Closing the Gap“-Agenda sowie auf internationale Regelwerke, insbesondere eine Erklärung der UN-Generalversammlung aus dem Jahr 2007, die das Recht indigener Völker auf kultursichere Versorgung und Selbstbestimmung in Gesundheitsfragen betont.
Konkret hieße das: Maßnahmen sollen in echter Zusammenarbeit mit First Peoples und, wo möglich, unter deren Leitung entwickelt werden – einschließlich gezielter Bemühungen, das Wissen über kulturelle Medizin wiederzugewinnen und zu bewahren, so wie es die Wiederbelebung indigener Sprachen bereits getan hat.
Wie sollte ein Gesundheitssystem traditionelles Heilwissen und klinische Medizin miteinander verbinden? Teilen Sie Ihre Sicht in den Kommentaren.

























