Von der Nordsee bis zur Ostsee zählen zahlreiche Kulturdenkmäler und Naturlandschaften zum UNESCO-Welterbe – viele davon liegen unmittelbar an der Küste und damit in einer Zone, die durch steigende Meeresspiegel und stärkere Sturmfluten zunehmend bedroht ist. Genau für solche Orte hat ein internationales Forschungsteam nun ein neues Instrument geschaffen: Unter Leitung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der University of East Anglia (UEA), der Durham University und der University of Cape Town entstand mit dem Datensatz „Global Coastal Heritage“ (Glo-CoH) die erste umfassende digitale Karte aller UNESCO-Welterbestätten, die weniger als 20 Meter über dem Meeresspiegel liegen. Die Ergebnisse wurden am 24. Juli im Fachjournal Scientific Data veröffentlicht.
- Der Datensatz erfasst 1.250 küstennahe Welterbestätten mit einer Gesamtfläche von über 235 Millionen Hektar.
- Grundlage ist die UNESCO-Welterbeliste von 2023; bis Ende des Jahres soll eine Aktualisierung auf den Stand 2026 folgen.
- 92 Prozent der Stätten erreichten die höchste Genauigkeitsstufe bei der digitalen Erfassung.
Das Projekt reagiert auf eine wachsende Sorge: Klimawandel und die bauliche Entwicklung an Küsten setzen historische wie natürliche Schätze immer stärker unter Druck. Bislang war es für Fachleute schwierig, überhaupt zu beurteilen, welche Stätten am meisten gefährdet sind – schlicht deshalb, weil detaillierte digitale Grenzkarten oft fehlten. Ohne solche Grenzen lassen sich Gefahren wie Sturmfluten, Überschwemmungen oder Erosion kaum verlässlich modellieren.
Warum das auch für deutschsprachige Regionen zählt
Das Welterbe ist kein abstraktes Konzept ferner Länder. Das UNESCO-Programm verleiht Kultur- und Naturstätten von „außergewöhnlichem universellem Wert“ einen besonderen Schutzstatus – und viele dieser Orte liegen in flachen Küstenregionen, wie sie auch die deutsche Nord- und Ostseeküste prägen. Ein Datensatz, der solche Stätten präzise verortet, liefert damit eine Grundlage, die Denkmalschützer und Behörden weltweit für eigene Risikoanalysen nutzen können.
„Dieser Datensatz wird ein wichtiges Werkzeug für Wissenschaftler, Naturschützer und politische Entscheidungsträger sein“, sagte Professor Robert Nicholls vom Tyndall Center for Climate Change Research an der UEA und der University of Southampton.
Er könne helfen, besser zu verstehen, wie umwelt- und klimabedingte Bedrohungen küstennahe Kulturstätten treffen könnten – und damit Behörden bei der Planung von Schutzmaßnahmen und bei fundierten Entscheidungen auf lokaler, regionaler und globaler Ebene unterstützen. „Während die Meeresspiegel weiter steigen und Stürme immer kräftigere Fluten und Wellen gegen die Küsten treiben, hoffen wir, dass diese neue Ressource eine entscheidende Rolle dabei spielt, einige der wertvollsten kulturellen und natürlichen Wahrzeichen der Welt für künftige Generationen zu bewahren“, so Nicholls.
Von der Oper in Sydney bis zu St. Petersburg
Insgesamt umfasst die Datenbank 1.250 einzelne Stätten – von kulturellen Wahrzeichen über Naturräume mit einzigartigen Ökosystemen und seltenen Arten bis hin zu gemischten Stätten, die zugleich als natur- und kulturbedeutsam gelten. Die Bandbreite reicht vom Opernhaus in Sydney über die küstennahen Abschnitte der Chinesischen Mauer und die Moai der Osterinsel bis zu großen Teilen von St. Petersburg. Zusammen bedecken diese Orte mehr als 235 Millionen Hektar.
Für die Kartierung nutzte das internationale Team veröffentlichte Lagepläne zusammen mit Satellitenbildern von Google Earth, um die Grenzen jeder Stätte sorgfältig nachzuzeichnen. Anschließend folgte ein strenges Qualitätsprüfverfahren, das unter anderem die Güte der Quellen, die Genauigkeit der Identifikation und die Präzision der digitalisierten Grenzen bewertete. Das Ergebnis war laut Team hochzuverlässig.
Professor Joanne Clarke, die das Team der Digitalisierer an der UEA und später in Durham leitete, betonte, ein Kernziel sei ein umfassender, aktueller Katalog räumlicher Grenzen gewesen. Weil der Datensatz öffentlich und in zugänglichem Format bereitstehe, könnten Fachleute und Forschende weltweit eigene Analysen und Modellierungen darauf aufbauen.
Grundlagenarbeit, die selten Schlagzeilen macht
Dr. Nicholas Simpson von der University of Cape Town verwies auf den mühsamen Charakter der Arbeit: „Das ist die Art von unspektakulärer Grundlagenarbeit, die fast nie finanziert wird.“ Solche Datensätze entstünden nur, wenn Menschen bereit seien, die detaillierte, repetitive Arbeit zu leisten, die es nie in eine Schlagzeile schaffe.
Die Forschungsgruppe setzt Glo-CoH bereits für zwei weitere globale Studien ein: eine Bewertung des Meeresspiegel-Risikos für küstennahe Welterbestätten sowie eine Analyse der Klimarisiken für die Artenvielfalt an diesen Orten, mit Blick auf die Hitzebelastung von riffbildenden Korallen und Mangroven.
Welche Küsten-Welterbestätte in Deutschland oder Ihrer Region halten Sie für besonders schützenswert – und was sollte konkret zu ihrer Bewahrung getan werden? Teilen Sie Ihre Sicht in den Kommentaren.

























