„Es tut mir leid, dass ihr so sehr von Hass und Kritik eingenommen wart, dass ihr all das verpasst habt“: Mit diesen Worten hat sich FIFA-Präsident Gianni Infantino in einer ungewöhnlichen Instagram-Botschaft an die Kritiker der gerade beendeten Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko gewandt. Der 56-jährige Schweizer veröffentlichte am Montag einen Text auf insgesamt 15 beschrifteten Bildern – zugleich auf der FIFA-Website und den sozialen Kanälen des Verbands. Die Kommentarfunktion war abgeschaltet. Zum eigentlichen Kern der gegen ihn erhobenen Vorwürfe äußerte sich Infantino dabei nicht.
- Infantino wirft Kritikern in einer 15-teiligen Instagram-Botschaft vor, „Hass“ und falsche Gerüchte zu verbreiten.
- Der FIFA-Chef verteidigt die WM als Turnier ohne Zwischenfälle mit „100 Prozent Sicherheit“.
- Zu den strittigsten Themen – der ausgesetzten Sperre gegen US-Stürmer Balogun und dem Einfluss von Donald Trump – bezieht er keine klare Stellung.
Gleich zu Beginn entschuldigte sich Infantino nach eigener Zählung mehrfach – allerdings nicht für die FIFA, sondern bei jenen, die die „Emotionen, die Feiern, das Lachen, das Weinen“ angeblich verpasst hätten. „Es tut mir leid, dass die Spiele nun vorbei sind“, schrieb er. Und weiter, in Richtung von Medien und Beobachtern: „An diejenigen, die hinter ihren Schreibutensilien und Bildschirmen sitzen und Hass sowie falsche Gerüchte verbreiten, möchte ich sagen: Während ihr dort sitzt, stehen wir an vorderster Front – wir organisieren, arbeiten hart und liefern die beste Show der Welt.“
„Wir haben keine Gewalt erlebt, keine Zwischenfälle, 100 Prozent Sicherheit, nur Freude und Glück!“, teilte Infantino mit.
Sieben Millionen Menschen aus mehr als 200 Ländern hätten das Turnier in 16 Städten und Stadien genossen, betonte er. Am Ende zeigte sich der Verbandschef stolz: „Ich bin unglaublich stolz, als FIFA-Präsident zu dieser Show beigetragen zu haben, auch wenn es nur ein wenig war. Es ist ein großartiges Gefühl.“ Kritikern gab er zudem den Rat, zu „meditieren“.
Beim Fall Balogun verweist Infantino auf die großen Ligen
Besonders viel Kritik hatte die FIFA rund um den US-Stürmer Folarin Balogun einstecken müssen. Dessen automatische Sperre für ein Spiel nach einer Roten Karte gegen Bosnien und Herzegowina wurde von der Disziplinarkammer zur Bewährung ausgesetzt – ein im WM-Kontext höchst ungewöhnlicher Vorgang. Pikant wurde der Fall, weil US-Präsident Donald Trump einräumte, bei Infantino telefonisch für Balogun interveniert zu haben. Trump lobte den FIFA-Chef später ausdrücklich für dessen „großartige Entscheidung“.
Infantino ging darauf nicht direkt ein, sondern relativierte allgemein: „Diskutable Schiedsrichterentscheidungen oder merkwürdige Disziplinarurteile – wie etwa möglicherweise fehlerhafte Rote oder Gelbe Karten oder der nachträgliche Verzicht auf Spielersperren – gehören zum Alltag und sind in einigen der weltweit größten Ligen weitgehend akzeptiert.“ Und er fügte hinzu: „Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet jene Länder, die diese Praktiken selbst anwenden, nun Kritik üben.“
Diese Spitze zielte erkennbar auf Europa. Die UEFA hatte der FIFA im Fall Balogun vorgeworfen, eine „rote Linie“ überschritten zu haben; auch der DFB gehörte zu den Kritikern. Der Konflikt lässt sich zugleich in die seit Jahren schwelende Auseinandersetzung zwischen Welt- und Europaverband einordnen. Für einen deutschen Leser bedeutet das: Was Infantino als weltweiten Normalfall darstellt, gilt im europäischen Fußball gerade nicht – die automatische Sperre nach einem Platzverweis bei einer WM ist laut FIFA-Regelwerk eigentlich nicht anfechtbar.
Iran, Visa-Sperren und ein Schiedsrichter ohne Einreise
Auch die politischen Rahmenbedingungen des Turniers verteidigte Infantino. „Während ihr spaltet, vereinen wir“, schrieb er und verwies auf die Teilnahme des Iran trotz der Spannungen mit den USA. Tatsächlich musste der Iran sein Trainingslager wegen des Kriegs im Nahen Osten von Tucson in Arizona ins mexikanische Tijuana verlegen und für seine Gruppenspiele hin- und herreisen; mehreren Betreuern wurde das Visum verweigert. Trainer Amir Ghalenoei nannte sein Team das „am meisten unterdrückte“ bei der WM.
Visa- und Einreisebeschränkungen zogen sich durch das gesamte Turnier – betroffen waren Fans und Offizielle aus Ländern wie Haiti, Senegal und der Elfenbeinküste. Dem somalischen Schiedsrichter Omar Artan wurde die Einreise verweigert, angeblich wegen Kontakten zu einer „terroristischen“ Vereinigung; Belege dafür legte die US-Regierung nicht vor, obwohl Artan einen Diplomatenpass besaß. Auch die hohen Ticketpreise hatten für Empörung gesorgt.
Ein Lobbrief nach Argentinien sorgt für Stirnrunzeln
Für zusätzliche Diskussionen sorgte ein Schreiben Infantinos an den argentinischen Verbandspräsidenten Claudio Tapia. Darin gratulierte er der „Albiceleste“ zur Silbermedaille und lobte, die Leistungen des Teams hätten „entscheidend“ dazu beigetragen, dass die WM ein „außergewöhnliches Ereignis“ wurde – Ausdruck von „Leidenschaft, Engagement und der Liebe zu diesem wunderbaren Sport“.
Der Ton stieß auf, denn Argentinien war im Finale gegen Spanien mit 0:1 unterlegen und dabei vor allem durch Fouls und Unsportlichkeiten aufgefallen. Weniger als eine Woche zuvor hatte die FIFA mitgeteilt, sie untersuche eine Rangelei zwischen argentinischen und spanischen Spielern nach dem Endspiel in New Jersey. Zudem kursierten während des Turniers Vermutungen über eine zu große Nähe zwischen dem FIFA-Boss und der argentinischen Auswahl.
Berechtigte Verteidigung oder verfehlte Selbstinszenierung? Sagen Sie uns, wie Sie Infantinos Instagram-Abrechnung und seinen Umgang mit der Kritik an der WM bewerten.

























